Einfuehrung in das ‘Nibelungenlied’

Das 'Nibelungenlied' ist heute nur in den Formen bekannt, in denen es in mehr als 35 nachweisbaren Handschriften und Handschriftenfragmenten aus dem 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts überliefert ist. (Ein in jüngster Zeit über verschiedene Medien verkündeter angeblicher Neufund von 'Nibelungenlied'-Fragmenten aus dem Kloster Zwettl in Niederösterreich hat sich inzwischen als Fehlbeurteilung erwiesen.)

Das inhaltlich auf älteren mündlichen Traditionen beruhende 'Nibelungenlied' erhielt um oder kurz nach 1200 Schriftgestalt. Die Sprache des 'Nibelungenliedes' ist mittelhochdeutsch. Ein 'Original' ist nicht erhalten. Der Dichter des 'Nibelungenliedes' ist unbekannt. Die Anonymität des Dichters wird wohl auch durch die Gattung der Dichtung entscheidend mitbedingt sein. Es spricht vieles dafür, dass das 'Nibelungenlied' von seiner Entstehung her mit Passau beziehungsweise mit dem Großraum der mittelalterlichen Diözese Passau in Verbindung zu bringen ist, die damals unter anderem auch Wien einschloss. Als Auftraggeber und Mäzen des unbekannten Dichters des 'Nibelungenliedes' ist mit großer Wahrscheinlichkeit Wolfger von Erla anzusehen, der von 1191 - 1204 Bischof von Passau war.

Das heute als 'Nibelungenlied' bezeichnete Werk hatte ursprünglich keinen Titel. Der neuzeitliche Titel geht auf den letzten Vers des Textes zurück, der in einem Teil der Handschriften mit den Worten schließt: daz ist der Nibelunge liet. Diesen Wortlaut hat man, leicht variiert, in dem neuhochdeutschen Titel 'Nibelungenlied' beibehalten. Das mittelhochdeutsche Wort liet ist aber von seiner Bedeutung her nicht ohne weiteres mit dem neuhochdeutschen Wort Lied gleichzusetzen. Hier wäre mittelhochdeutsch liet vielmehr mit neuhochdeutsch 'Dichtung' zu übersetzen: 'Das ist die Dichtung über die Nibelungen'.
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Das Nibelungenlied ist in den meisten Handschriften in insgesamt 39 sogenannte âventiuren eingeteilt, was unter formalen Gesichtspunkten im Neuhochdeutschen mit 'Kapiteln' wiedergeben werden könnte. Das Wort mhd. âventiure, das unter anderem auch 'Erzählung, Begebenheit, Abenteuer' bedeutet, lässt sich im Neuhochdeutschen jedoch nicht mit einem einzigen Wort adäquat übersetzen.
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Das 'Nibelungenlied' ist eine strophische Dichtung, die nach heutigen literaturwissenschaftlichen Kriterien der sogenannten Heldenepik zugerechnet wird. Das 'Nibelungenlied' ist von seiner sprachlichen und metrischen Ausformung her, aber auch auf Grund seiner inhaltlichen Gestaltung durchaus ein Werk der Zeit um 1200. Die stoff- und sagengeschichtlichen Hintergründe des Werkes führen aber in vielfachen Brechungen und Schichten teilweise bis in die Zeit des 5. Jahrhunderts zurück - und damit bis in die Zeit der Völkerwanderung. Das 'Nibelungenlied' bietet deshalb von seiner komplexen Entstehungsgeschichte her kein einheitliches Spiegelbild einer bestimmten Zeit. In keinem Fall aber ist das 'Nibelungenlied' in der überlieferten Form eine 'germanische' Dichtung, zu der man das Werk in bestimmten Zeiten hat machen wollen. Eine heute noch fassbare 'germanische' Dichtung gibt es gar nicht.

Über die mittelalterliche Vortragsweise des 'Nibelungenliedes' ist nichts Genaueres bekannt. In gesprochener Form würde das 'Nibelungenlied' als Ganzes etwa acht bis zehn Stunden beanspruchen. In rezitativischer oder gesungener Form würde sich die Vortragsdauer nochmals wesentlich erhöhen.

Das 'Nibelungenlied' ist ein gewichtiger Bestandteil der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur um 1200. Die von der Überlieferung her seit dem 8. Jahrhundert in Erscheinung tretende deutschsprachige Literatur erlebt in den Jahrzehnten vor und nach 1200 einen ersten bedeutenden Höhepunkt. Mit der sogenannten klassischen Zeit des Mittelhochdeutschen sind im Bereich der Lyrik unter anderem die Namen Reinmar und Walther von der Vogelweide, im Bereich der 'höfischen Epik' insbesondere die Namen Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg verbunden, die Zeitgenossen des unbekannten 'Nibelungenlied'-Dichters waren.